Life/Work Planning
Berufsplanung und Stellensuche mit System
Artikel

In dieser Rubrik finden Sie ausgewählte Artikel über L/WP. Eine ausführlichere Sammlung finden Sie auch auf www.lifeworkplanning.de.


"Bewerben Sie sich nicht, wenn Sie eine Stelle suchen!"

Artikel aus der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Walter-Kolb-Stiftung e.V.,Frankfurt am Main, November 2009

 

Spätabends auf dem Weg nach Hause verliert ein Mann seinen Schlüssel. Er fängt an zu suchen. Ein zweiter Mann kommt vorbei, sieht seinen Freund, und hilft ihm. Nach zehn Minuten fragt er: "Bist du sicher, dass du den Schlüssel hier verloren hast?" "Na ja", meint der Erste, "eigentlich mehr da vorne, da im Dunkeln. Aber hier ist zumindest die Straßenlampe, dass wir ordentlich suchen können."

 

Die konventionelle Suche nach Praktika und Arbeitsstellen sieht oft ähnlich aus, wie diese Schlüsselsuche. “Ich schaue die Stellenanzeigen in der Zeitung durch und recherchiere in den großen Jobdatenbanken.“ Auch wenn es fortschrittlich anmuten mag, bei der Stellensuche „moderne“  Medien einzusetzen - die eigentliche Suchmethode der meisten Deutschen ist doch die gleiche, wie schon seit Jahrzehnten: Alles, was von Arbeitgebern irgendwie öffentlich ausgeschrieben ist, wird darauf überprüft, ob man selbst auf so eine Stelle passen kann oder will. Bei der Bewerbung gibt man sich sehr interessiert, ohne zu wissen, wie die ausgeschriebene Stelle denn wirklich sein wird. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise zeigt jährlich die Studie des Gallup-Institutes zur Arbeitszufriedenheit der Deutschen: Aktuell sind lediglich 13 % aller Arbeitnehmer motiviert, 67 % machen „Dienst nach Vorschrift“ und 20 % haben innerlich gekündigt. 87 % aller Deutschen können also sagen, dass sie mit dem Ergebnis ihrer Stellensuche nicht wirklich zufrieden sind.

Gibt es keine besseren Vorgehensweisen?

Der amerikanische Arbeitsforscher R.N. Bolles ist dieser Frage nachgegangen und hat aus seinen Erkenntnissen das Life/Work Planning - Verfahren (L/WP) entwickelt. Seine Untersuchungen in den 70er Jahren führten zu den folgenden vier wesentlichen Erkenntnissen:

 

(1) Es gibt viel mehr Stellen, als  den meisten Bewerbern bewusst ist, denn die überwältigende Mehrheit aller freien Stellen wird niemals öffentlich ausgeschrieben. Diese nicht ausgeschriebenen Stellen bilden den so genanten "verborgenen Arbeitsmarkt."

 

(2) Personen, die wissen was sie können und wollen und gut darüber sprechen können, haben wesentlich bessere Chancen bei der Jobsuche.

 

(3) Viele Stellensuchende wissen nicht, was sie können und wollen und haben deshalb auch keine aussagekräftige Sprache dafür.

 

Und: (4) Die meisten Stellensuchenden kennen kein Verfahren, um den Arbeitsmarkt systematisch zu analysieren.

 

Basierend auf diesen Erkenntnissen trug Bolles Instrumente und Vorgehensweisen zusammen, mit denen Stellensuchende sich darüber klar werden können, was sie können und wollen, um so ihr persönliches Job-Ziel zu definieren. Dies ist die Basis, um danach den verborgenen Arbeitsmarkt durch systematisch angelegte Gesprächskampagnen nach wirklich passenden Stellen abzusuchen.

 

Es geht eben darum, den „Schlüssel“ genau da zu suchen, wo er wahrscheinlich sein wird und nicht da, wo irgendeine Straßenlampe leuchtet.

Menschen, die Life/Work Planning betreiben, würden dabei niemals Fragen stellen, wie „suchen Sie vielleicht gerade jemanden, der….?“

 

Statt dessen wird mit Menschen geredet, die genau das machen, was man selbst gerne tun würde und zwar in einer Branche oder zu einem Thema, für das man sich selbst ehrlich und wirklich interessiert – nicht nur um einen Job zu bekommen. Gespräche dieser Art haben eine ganz andere Dynamik als ein Vorstellungsgespräch oder die Frage nach irgendeinem Job - und auch eine ganz andere Wirkung.

 

Das liegt vor allem an den ausgewählten Gesprächspartnern. Statt mit Personalern oder mit Abteilungsleitern, redet man mit „echten Experten“, also mit Menschen, die wirklich wissen, wie die Arbeit vor Ort ist. So gewonnene Informationen haben eine ganz andere Qualität als z.B. „angelesenes“ Wissen aus dem Internet.

 

Und solche Gespräche können ganz konkreten Personalbedarf von Arbeitgebern und unausgeschriebene Stellen effektiv sichtbar machen. Wer solche Stellen identifiziert, ist meist die einzig sichtbare Lösung für das aufgedeckte Problem eines Arbeitgebers. Große Konkurrenz ist mangels Mitbewerber nicht zu fürchten.

Das wirklich schwierige bei Life/Work Planning ist für viele Menschen, dass es ungewöhnlich ist. „Wie soll ich denn das persönliche Gespräch suchen und führen? Wie schaffe ich es, dass meine Gesprächspartner nicht denken, dass ich doch eigentlich nur einen Job will? Und wie finde ich überhaupt die Gesprächspartner, die für mich interessant sind?“ Die gute Nachricht: Es gibt eine Methode und sie lässt sich erlernen.

 

R.N. Bolles hat seine Erkenntnisse und Lösungsvorschläge in dem Buch „What Color Is Your Parachute?“ (deutscher Titel „Durchstarten zum Traumjob“) veröffentlicht. Es ist mit über 8 Millionen Exemplaren das meistgekaufte Jobsucher-Handbuch der Welt. In Deutschland finden seit 1990 regelmäßig Info-Veranstaltungen und Seminare zum Thema Life/Work Planning in mittlerweile 21 Städten statt. Umfangreiche Informationen zur Methode und zu Terminen gibt es unter www.lifeworkplanning.de.

 


"Wie betreibe ich Lebens-/Arbeits-Planung (Life/Work Planning)?"

von: Richard Nelson Bolles

 

Auszüge aus einer programmatische Reden auf der Internationalen Tagung für Berufsberatung:"Berufsberatung: Welchen Weg jetzt?" in Bled, Slowenien, Mittwoch, 5. Mai 1999

Mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Amerikanischen von Rainer Thiel (in: dvb-forum,  Zeitschrift des Deutschen Verbandes für Berufsberatung e.V., ISSN 0935 -8323, 01/2000, S. 6 - 14)

 

Ich bin gebeten worden, heute nachmittag über Lebens-/Arbeits-Planung zu sprechen. Ich möchte ganz einfach anfangen.

 

Lebens-/Arbeits-Planung als Alltagstätigkeit 

Fast alle betreiben schon Lebens-/Arbeits-Planung in irgendeinem  Bereich ihres Lebens - ohne dabei diesen Begriff zu verwenden. Aber wenn Du an einem Sonntagmorgen aufstehst, nachdem Du überlegt hast, was von acht verschiedenen Möglichkeiten du heute tun könntest, und fünf davon in deinem Kopf verworfen hast und dich dazu entschlossen hast, die drei anderen Dinge zu tun - dann hast du bereits Lebens-/Arbeits-Planung betrieben. Oder wenn Du über deinen letzten Sommerurlaub nachgedacht hast und angefangen hast, Dir drei verschiedene Möglichkeiten, wie Du Deinen Urlaub verbringen könntest, auszudenken, bevor Du am Ende entschieden hast, welche von diesen drei Möglichkeiten für Dich  am interessantesten oder gar am faszinierendsten wäre - dann hast Du bereits Lebens-/Arbeits-Planung gemacht. Oder wenn Dich das Gefühl überkommt, dass Du Dein Leben zu stark der Arbeit gewidmet hast und Du ausgeknobelt  hast, wie Du mehr Zeit für Deine Familie und für Freizeit gewinnen könntest - dann hast Du schon Lebens-/Arbeits-Planung betrieben. 

 

Mit anderen Worten, der Titel ist für einige von Ihnen vielleicht neu, aber die Tätigkeit ist etwas, was fast alle unter uns, selbst die hingebungsvollsten Träumer unter uns, schon einmal ausgeübt haben.

Die Methode "Lebens-/Arbeits-Planung" ist also nur ein Weg, etwas systematischer, durchdachter und gründlicher zu tun, als man es auch schon bislang gelegentlich intuitiv und ohne anstrengendes Nachdenken getan hat. 

 

Das heißt, die Entscheidung, Lebens-/Arbeits-Planung systematisch als Programm zu betreiben, ist vergleichbar mit der Entscheidung, Gehen als sportliche Disziplin zu betreiben. In diesem Fall würdest du nicht etwas völlig Neues zu tun beginnen. Du kannst schon gehen. Aber Gehen als sportliche Disziplin zu wählen heißt, nicht mehr nur einen Spaziergang rund ums Haus oder kurze Gänge zum einem Geschäft zu machen, sondern sich zu entscheiden, über einen längeren Zeitraum und nach einem bestimmten Trainingsplan in einem strammeren Schritt zu gehen. Jedenfalls entwickelst du einfach etwas weiter, was du eigentlich schon kannst. 

 

Lebens und Arbeitsplanung als ein Programm bedeutet genau diese Art der Veränderung: Du entscheidest dich lediglich, das, was du schon kannst, auf eine diszipliniertere Weise, regelmäßiger und über einen längeren Zeitraum zu tun. (…)

 

Lebens-/Arbeits-Planung  als Programm

(...) Natürlich werden andere Beratungsfachkräfte und Trainer darauf hinweisen, dass das Programm Lebens-/Arbeits-Planung aus den USA kommt und hier nicht funktionieren wird. Wie es John Webb in Deutschland erfahren musste: "Mir wurde gesagt," erzählt er, "dies passe hier nicht zur Kultur. ,Sie können das hier nicht machen und erwarten, dass es funktioniert.' Und tatsächlich, als ich anfangs Leuten hier erzählte, ,Stell dir vor, du könntest losgehen und mit Leuten reden und durch diese Gespräche genug Informationen bekommen, um einem Arbeitgeber ein Angebot für eine Stelle zu machen, die wirklich deinen Fähigkeiten entspricht', da schauten mich viele Leute an, als ob ich gerade gesagt hätte, ,Stell dir vor, du könntest losgehen, mit deinen Armen flattern und fliegen.'"

Trotz alledem: Seit 1990, als er bei mir gelernt hat, hat John in den vergangenen acht Jahren 134 erfolgreiche Lebens-/Arbeits-Planungs-Seminare oder -kurse in Deutschland geleitet , von denen jedes normalerweise 2½ Wochen dauert, mit Beginn und Ende jeweils am Dienstag. Die evangelische Kirche dort, eine öffentlich-rechtliche Organisation, hat ihn gerade beauftragt, ab dem Jahr 2000 Menschen in Lebens-/Arbeits-Planung auszubilden. Außerdem haben er und eine andere Lebens- und Arbeits-Planerin in Deutschland, Madeleine Leitner, in deutschen Zeitschriften Artikel über das Thema geschrieben, die positiv aufgenommen wurden. Daher kann ich Ihnen versichern, dass Sie auch in Ihrer eigenen kulturellen Umgebung diese Programme lehren können, vorausgesetzt, Sie haben vorher Ihr eigenes Leben damit durchgearbeitet.

 

(…)  in den einfachsten Vorgängen des täglichen Lebens - völlig unabhängig von Lebens-/Arbeits-Planung - können wir feststellen, dass Menschen immer mehr Einfluss auf ihr Leben haben, als sie zu haben meinen. Sie sind immer viel weniger Opfer als sie zunächst annehmen. Unabhängig davon, wie viel man meint, in seinem Leben nicht ändern zu können, es gibt immer einen Bereich, den man ändern kann. Lebens-/Arbeits-Planung ist auf dieser Wahrheit begründet. In Seminaren, Workshops und individueller Beratung sagt Lebens-/Arbeits-Planung selbst zum hoffnungslosesten Fall: Nenne mir den Bereich von dir, an dem wir arbeiten können und der sich ändern lässt, und wir werden zusammen daran gehen, ihn zu ändern.

(...) So, zum Schluss: Das sind die Fragen, die jeder von uns abwägen muss:

"Welche Erfahrungen, die ich in meinem Leben bislang gemacht habe, haben mich am meisten in Fahrt gebracht, und was davon habe ich meiner Meinung nach gut hinbekommen?"

 

"Welche meiner Fähigkeiten habe ich bei diesen Erfahrungen am liebsten eingesetzt?"

 

"Wenn ich diese Fähigkeiten in eine Prioritätenliste bringen müsste, welche Fähigkeiten nutze ich am liebsten? Und geht es dabei um Daten, Menschen oder Gegenstände?"

 

"Was sind meine Interessengebiete, die ich am liebsten erforsche - in Zeitschriften, Büchern, Seminaren, Workshops und im Leben?"

 

"Wenn ich meinen jetzigen Job nicht mehr ausüben könnte, aber zehn Millionen Dollars bekäme und nie wieder arbeiten müsste, mit welcher Tätigkeit würde ich meine gewonnene Zeit zubringen?"

 

"Wenn ich mir verschiedene Arbeitsfelder ansehen müsste, um mehr darüber zu lernen, welche würde ich bevorzugen?"

 

"Wie könnte ich es erreichen, mehr Freizeit zu haben, mehr Zeit mit meinen mir lieben Menschen und Freunden, und zwar jetzt, in der Gegenwart, ohne auf die Pensionierung zu warten?"

 

"Was will ich erreichen, bevor ich sterbe?"

 

Ein englischer Autor namens John Wilson beschrieb die logische Grundlage von Lebens-/Arbeits-Planung besser als jeder andere - gerade weil er damals nicht über Lebens-/Arbeits-Planung schrieb. In einem Buch, das er vor dreißig Jahren schrieb, das nun lange vergriffen ist, beschrieb er diese Grundlage wie folgt:

 

"Mein Leben ist ein verhältnismäßig volles Leben gewesen; aber ich bedaure hauptsächlich, dass es nicht voll genug war. Was ich bereue, sind nicht die Gelegenheiten, unter denen ich gelitten habe oder bei denen ich mich lächerlich gemacht habe, oder bei denen ich Entscheidungen gefällt habe, die mich in Schwierigkeiten brachten; ich bereue viel mehr die Gelegenheiten, bei denen ich hätte ,Ja' zum Leben sagen können und stattdessen ,nein' gesagt habe. Dasselbe gilt für meine Beziehungen zu anderen Menschen. Mich reuen nicht so sehr die Schäden, die ich anderen durch meine Handlungen zugefügt habe, sondern die Schäden, die ich verursacht habe, indem ich etwas nicht tat. Die verpassten Gelegenheiten, Menschen zu helfen, ihre Erfahrung zu vergrößern, sie zu lieben, sind es, die mich beunruhigen - mehr die unterlassenen als die zugelassenen Sünden. Am tragischsten im Leben wäre, auf dem Sterbebett zu liegen und an all die Dinge zu denken, die man nicht getan hat, die Erfahrungen, die man nicht gemacht hat, aber gern gemacht hätte. Wenn ich also Menschen zu irgendetwas antreiben müsste, dann würde ich sie in volleres Leben stoßen, sie dazu zu überreden, ,Ja' zum Leben und nicht ,Nein' zu sagen. Zumindest auf dieser Erde haben wir nur ein Leben; und wir sollten deshalb das Meiste daraus machen." (...)


Wo sich die Jobs verstecken

Artikel vom 22.3.2013 aus dem Wirtschaftsteil der Bietigheimer Zeitung. Zum Anzeigen auf das Bild klicken.

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